Gone Home

Vor einigen Monaten machte mich der gute @RonnyDynamo auf Gone Home aufmerksam, ein Spiel, das vor allem durch sein hervorragendes exploratives Storytelling hervorstechen soll. Da ich damals genug anderen Kram zu spielen hatte, behielt ich es erstmal im Hinterkopf. Nun begab es sich kürzlich, dass @creeveey Gone Home streamte. Da ich Zeit und sowieso Lust auf das Spiel hatte schaltete ich ein. Ich wurde neugierig, so neugierig, dass ich 10 Minuten später den Key gekauft und eingelöst hatte. Am Tag darauf streamte ich das Ganze ebenfalls und wie soll ich sagen…ich bin etwas hin- und hergerissen. Aber vielleicht sollten wir doch besser von vorne anfangen.

Worum geht’s?

In Gone Home schlüpft man in die Rolle der 20jährigen Kaitlin (kurz: Katie) Greenbriar. Diese kommt kurz nach Mitternacht von einer einjährigen Europareise zurück nach Hause. Zu Beginn des Spiels befindet man sich, die eigentliche Haustür anblickend, in einer Art Vorraum. In der Hoffnung das Haus betreten und endlich wieder in das eigene Bett versinken zu können macht man einige Schritte vorwärts und findet einen Zettel an der Tür. Dieser stammt von Sam, Katies Schwester. Sie teilt Katie mit, dass sie verschwunden sei und man nicht nach den Gründen ihres Verschwindens suchen solle. Dem Spieler wird an dieser Stelle relativ schnell klar: irgendetwas stimmt hier nicht. Dennoch versucht man in das Haus hineinzugelangen – was wenige Minuten später auch gelingt nachdem man den Haustürschlüssel gefunden hat. Die Eingangstür geöffnet findet man sich in einer gewaltigen Lobby wieder. Man steht einem großen Treppenaufgang gegenüber und sieht Türen zu beiden Seiten des Geländers die in immer abgelegenere Winkel des Anwesens führen. Stück für Stück beginnt man immer weiter in das Haus vorzudringen. Man öffnet Türen, findet allerhand Gegenstände, die es zu inspizieren gilt und auch unzählige Dokumente die dem Spieler weitere Informationen liefern um so manchem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Genau dabei zeigt Gone Home seine größte Stärke (aber auch einige seiner Schwächen).

Exploration

Gone Home wird von seinen Machern, “The Fullbright Company” als “Story Exploration Game” beschrieben. Es handelt sich also um ein Spiel, dass entdeckt werden will. Soll heißen: Immer wieder findet man als Spieler kleine Informationshäppchen, sei es ein Fahrplan, ein altes Foto, ein Bestellbestätigung oder ein Brief. Allerdings reicht natürlich keine dieser Informationen für sich allein aus alles zu verstehen. Ganz im Gegenteil: Alle Puzzleteile müssen gefunden werden, um hinter den Vorhang blicken zu können. Und genau das macht den Reiz aus. Jedes Puzzlestück, jedes Informationshäppchen gibt einem genau so viel, dass man weitersuchen möchte. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass man an einer Stelle hängt und am anderen Ende des Hauses genau das Puzzlestück findet um weiterzukommen.
Hervorheben sollte man außerdem, dass das Entdecken natürlich nicht nur Mittel zum Zweck ist. Ganz im Gegenteil: Desto länger man spielt, desto besser lernt man das Haus der Greenbriars kennen und dieses hält so manche Überraschung bereit. Man freut sich, wenn man in neue Bereiche vorstößt und vielleicht sogar solche entdeckt von denen man nicht dachte, dass sie überhaupt existieren.

Allerdings muss aber auch gesagt werden, dass die Gestaltung der Räume bzw. die Platzierung wichtiger Objekte an vielen Stellen etwas seltsam wirkt. So sind viele Objekte an Orten zu finden wo man sie nie erwarten würde, Schubladen sind vollgestopft mit Zetteln, überall (wirklich ü-ber-all) liegen Boxen mit Taschentüchern herum (wieviele Taschentücher braucht bitte eine vierköpfige Familie?) und in so gut wie jedem Raum findet sich ein Kassettenrekorder (damit man auch potentiell zu findende Kassetten auch ja gleich abspielen kann). Von Schreibtischen und ihrer “Dekoration” will ich erst gar nicht anfangen.

Atmosphäre

Gone Home schafft es mit relativ einfachen Mitteln eine recht beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Da wäre zum Einen die Tatsache, dass man sich (wie man bereits relativ früh vermutet), allein in einem völlig leeren Haus bewegt. Hinzu kommt die Betonung von Schrittgeräuschen abhängig vom jeweiligen Untergrund. Bewegt man sich z.B. längere Zeit im gleichen Raum der zufällig mit Teppich ausgelegt ist und danach auf dem Gang der mit Parkett ausgelegt ist, kann das dazu führen, dass man glaubt weitere Schritte wahrzunehmen die nicht da sind. Mir haben sich dadurch schon das eine oder andere Mal die Nackenhaare gesträubt. Passenderweise wütet vor der Tür auch noch ein Unwetter das man eigentlich gar nicht überhören kann. Wenn dann auch noch die Wände oder der Boden knarzen kann Menschen wie mir schonmal etwas mulmig werden. Die Frage ist nur: Wozu ist das alles gut? Denn Gone Home ist alles andere als ein Horror-Spiel und letzten Endes spielt das alles sowieso keine Rolle womit wir auch schon bei der Story wären.

Story (Obacht, Spoiler!)

Als Spieler erfährt man bereits relativ früh durch ein Familienporträt, dass Katies Familie aus drei weiteren Personen besteht: ihrer Schwester Sam, ihrer Mutter Janice (kurz: Jan) und ihrem Vater Terrence (kurz: Terry). Im weiteren Spielverlauf entwickeln sich mehrere voneinander unabhängige Erzählstränge  – einer für jedes Familienmitglied. Dadurch erfährt man viel über jüngste Ereignisse im Leben der drei, deren Charakterzüge und Lebensgeschichten.

Bespielsweise wird klar, dass das Haus erst kürzlich von der Familie bezogen wurde da sie es nach dem Tod von Sams Großonkel Oscar von diesem erbte. Der Zustand des Hauses (mangelhafte Verkabelung, knarzende Wände und Böden) soll in den weiteren Spielstunden noch eine entscheidende Rolle spielen.

Des Weiteren findet man als Spieler heraus, dass sich Terry viel mit Verschwörungstheorien beschäftigt und mehrere Bücher über den Mord an John F. Kennedy verfasste. Von den Kritikern gelobt werden seine Bücher jedoch kaum verkauft was dazu führt, dass sein Verleger nach Veröffentlichung des zweiten Buches abspringt. Daraufhin hat Terry mit einer Schreibblockade zu kämpfen was sich auch in der Beziehung zu seiner Frau, Jan, niederschlägt. Im Verlauf des Spiels stößt man auf eine Broschüre aus der hervorgeht, dass die Eltern zu ihrem Jahrestag verreist sind. Gleichzeitig stolpert man aber auch auf Informationen zu einem Paarberatungskurs der den Angaben nach zum gleichen Zeitpunkt stattfindet. Das erklärt weshalb die Eltern nicht zu Hause sind als Katie eintrifft.

Die Mutter, Jan, arbeitet als Försterin und ist sehr gut in ihrem Job. So gut, dass sie im Laufe des Spiels befördert wird. Bei einer gezielten Wald-Rodung wird ihr zusätzlicher Förster zugewiesen mit dem sie kurze Zeit später eine Affäre anfängt. Davon erfährt Terry allerdings nichts.

Kommen wir zu Katies Schwester Sam. Sam ist 17 und damit drei Jahre jünger als die Protagonistin. Da es ihr sehr schwer fällt soziale Kontakte zu knüpfen macht ihr der Umzug am meisten zu schaffen. Daniel, ihren einzigen Freund in der alten Nachbarschaft muss sie zurücklassen. Nach dem Umzug dauert es sehr lange bis sie Anschluss findet. Einige Wochen nach Schulbeginn wird sie jedoch auf Lonnie aufmerksam, ein Mädchen im letzten Schuljahr. Langsam freunden die beiden sich an und entwickeln Gefühle füreinander. Aufgrund gewisser Vorkommnisse im Haus wie sie oben schon angedeutet wurden (Lichter gehen von alleine aus, Wände und Boden knarzen) beginnen beide damit aus Spaß im Haus auf Geisterjagd zu gehen. Mit der Zeit kommen sie sich immer näher und entwickeln Gefühle füreinander. Dies wird von den Menschen in ihrer Umgebung allerdings nicht akzeptiert. Sams Eltern nehmen sie nicht ernst. Sie sprechen von einer “Phase” und meinen dass Sam den richtigen Jungen einfach noch nicht gefunden habe. Auch in der Schule kommt es zu Problemen. Lediglich Daniel hält zu ihr. Durch ein Foto von Lonnie und durch Sams Beschreibungen erfährt man, dass Lonnie vor hat in die Armee einzutreten.

In den letzten Spielminuten findet man als Spieler einen Schlüssel zum Dachboden. Man entdeckt mehrere Räume. Im Schein roter Lichterketten stolpert man über einen Schlafsack, mehrere Fotografien der beiden und schließlich über Sams Tagebuch. Es wird klar, dass das der Rückzugsort der beiden ist. Öffnet man das Tagebuch hört man Sams Stimme die einem das Ende der Geschichte erzählt. Man erfährt, dass Lonnie nicht zur Armee gehen konnte da sie Sam nicht zurücklassen wollte. Stattdessen fragte sie Sam, ob sie mit ihr davonlaufen möchte. Unverstanden von ihren Eltern und ihrem Umfeld willigte Sam ein und verabschiedete sich bei Katie mit den Worten: “Ich liebe dich so sehr Katie. Ich werde dich wiedersehen… eines Tages. In Liebe, Sam.“

Damit folgt der Abspann und das Spiel ist zu Ende. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich in der obigen Beschreibung auf die wesentlichen Punkte der Geschichte beschränkte. Es gib viele kleine Details die nicht erwähnt wurden aber dennoch interessant sind.

Was mir gut gefällt

Gone Home lebt einerseits von seinem explorativen Charakter und andererseits von der Geschichte zwischen Sam und Lonnie. Als Katie taucht man ein in das Leben einer Familie, genauer gesagt das Leben der eigenen Familie, die einem (so fühlt es sich zumindest an) innerhalb eines Jahres fremd geworden ist. Man blickt hinter den Vorhang und erfährt Dinge, die man vielleicht lieber nicht erfahren hätte (wie z.B. alles was die Beziehung von Terry und Jan betrifft) aber auch solche über die man sich womöglich freut, die einen als große Schwester eventuell sogar stolz machen und gleichzeitig das Herz brechen (alles was Sam und Lonnie betrifft). Die Beziehung zwischen Sam und Lonnie ist ein kleines Wechselbad der Gefühle. Gleichzeitig wird natürlich harte Gesellschaftskritik geübt. Am Ende saß ich da und fragte mich weshalb Terry und Jan ihre Tochter nicht verstehen können/wollen und weshalb es durch sie und alle anderen soweit kommen musste, dass die beiden abhauen. Dann dachte ich: aber vermutlich ist es das Beste und gleichzeitig wohl auch die einzige Möglichkeit für Sam und Lonnie ihr Leben zu leben.

Was mit nicht so gut gefällt

Wie bereits oben erwähnt lebt Gone Home hauptsächlich von der Geschichte zwischen Sam und Lonnie. Das bedeutet aber auch, dass alle anderen Geschichten mehr oder weniger belanglos sind. Zumindest erkenne ich keinen direkten Zusammenhang. Soll heißen: Ist alles, was über Terry, Jan und Oscar erzählt wurde notwendig damit die Geschichte zwischen Sam und Lonnie so funktionieren konnte? Ich denke nicht. Die restlichen Geschichten kommen viel eher dem explorativen Aspekt zu gute.

Apropos Sam und Lonnie: Mir will nicht so recht einleuchten weshalb das Spiel aus Sams Verschwinden Katie gegenüber so ein großes Ding macht. Natürlich ist es traurig, dass sie verschwindet bzw. verschwinden muss (darauf bin ich ja oben schon eingegangen) aber es ist doch nicht so, dass sich die beiden nie wieder sehen oder als sei es das Ende der Welt. Auch in den 90ern gab es ja schon Telefone.

Und noch eine Sache: Nichts an Gone Home ist mysteriös oder gruselig. Damit meine ich, es gibt nichts wovor man Angst haben oder sich fürchten müsste. Alles was passiert hat einen nachvollziehbaren Grund. Das Spiel möchte uns aber das Gegenteil vermitteln, sei es durch das Unwetter das ständig vor dem Haus tobt, durch knarzende Wände oder die Ausleuchtung der einzelnen Räume. Zu Beginn weiß man das natürlich nicht und die Stimmung die erzeugt wird macht alles zugegebenermaßen interessanter. Hat man es allerdings durchgespielt kommt man sich ein wenig veräppelt vor (zumindest ging es mir so).

Zusammenfassung

Gone Home ist definitiv ein tolles Spiel mit dem man viel Spaß haben kann wenn man bereit ist sich auf seine Erzählweise einzulassen. Schön ist auch, dass man es mit seinen 2-4 Stunden problemlos an einem Abend durchspielen kann. Allerdings muss ich auch sagen, dass es zwar sehr gut, aber nicht so gut ist wie viele tun.

Gone Home kostet bei Steam 19,99€ und ist für Windows, Mac und Linux verfügbar. Es ist leider nur in Englisch erhältlich und enthält auch keine anders-sprachigen Untertitel.

Ein paar letzte Worte

Jetzt, da ich am Ende des Artikels angelangt bin kann ich nur sagen: Ups, der ist wohl etwas lang geworden 😀 Ich hoffe trotzdem, dass er euch gefallen hat. Vielleicht hat die/der eine oder andere in ja sogar bis zum Schluss gelesen 😀 Falls ihr Anregungen oder Kritik habt, schreibt mir! Ach und wenn ihr anderer Meinung seit und/oder mir einfach sagen wollt wie euch das Spiel gefallen hat, schreibt mir doch auch! Ich würde mich sehr freuen!

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